Der Formatkrieg der Videosysteme inklusive 5 Grundsätzen fürs Geschäft

Vom Formatkrieg zwischen VHS, VCR und Betamax haben Sie vielleicht schon einmal gehört.

  • Aber was genau ist ein Formatkrieg?
  • Warum ging VHS als Sieger hervor, obgleich Betamax ein besseres Preis/Leistungsverhältnis bot? – inkl. 5 Grundsätzen für jedes Unternehmen

Was genau ist ein Formatkrieg?

Standardlösung ist das Zauberwort. Bei Formatkriegen geht es immer um die Durchsetzung von Standardlösungen oder aber um Verdrängung einer bisherigen Standardlösung.

Der erste Formatkrieg entbrannte zwischen Thomas Alva Edison und Georg Westinghouse. Die Frage in der Auseinandersetzung war: Soll Amerika mit elektrischer Energie aus Gleichspannung oder Wechselspannung versorgt werden?

Heute drehen sich Formatkriege eher um die Etablierung von Standardlösungen im Bereich Unterhaltungselektronik und elektronische Medien.

Gewinnt immer der Bessere? Nein, wie so oft im Leben. Faktoren wie Vertragsbindungen, Kooperationen, Preis und Marketing spielen mit rein.

Wieso ging VHS als Sieger aus dem Video-Formatkrieg hervor?

Grundsatz Nummer 1: Es gewinnt nicht immer der erste Spieler am Markt.

Grundsatz Nummer 1 Es gewinnt nicht immer der erste Spieler am Markt.

1972 führten Grundig und Phillips als erstes das Videosystem VCR in Europa ein. Gedacht war es für videoaffine Heimanwender. Wenige Jahre später tauchten zwei japanische Konkurrenzunternehmen auf: zunächst 1975 Sony mit Betamax und dann 1976 JVC mit VHS.

Fatal war: alle drei Unternehmen buhlten um die Gunst der Privatanwender. In den Wohnzimmern musste eine Entscheidung für eins der Systeme getroffen werden, denn die drei Systeme – VCR, Betamax und VHS – waren untereinander inkompatibel. Videorekorder kosteten damals ein kleines Vermögen und kein Mensch wollte auf das falsche Pferd setzen. Sony hatte klar ein Ziel vor Augen: Betamax als Industriestandard zu etablieren.

Wenn Ihnen heute jemand die Frage stellt:

Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an das Wort „Videokassette“ denken?

Was ist Ihre Antwort? Mit großer Wahrscheinlichkeit ist es „VHS“, oder? Die Wörter „Videokassette“ und „VHS“ werden oft synonym verwendet.

Aber wie ist es dazu gekommen? Schließlich hatte Betamax den besseren Ruf bezüglich Qualität.

1. Bei Kassetten kommt es auf die Länge an

Grundsatz Nummer 2: Die Bedürfnisse der Kunden sind entscheidend.

Grundsatz Nummer 2 Die Bedürfnisse der Kunden sind entscheidend.

Sowohl VCR als auch Betamax starteten zunächst mit einer Aufnahmedauer von 60 Minuten. Aber eine Stunde Laufzeit – was sollten Privathaushalte damit anfangen? Bereits in den 1960er schwankte die Länge von Spielfilmen zwischen 125 und 129 Minuten (mehr zur Studie hier). Mit einer Aufnahmedauer von 60 Minuten konnten Spielfilme nicht am Stück aufgezeichnet werden. Viele Menschen wollten aber genau das: Filme unkompliziert ohne Kassettenwechsel am heimischen Videorecorder aufnehmen.

Die klobigen VHS-Kassetten von JVC gewannen zwar keinen Schönheitswettbewerb, konnten aber dafür mehr Magnetband fassen. Von Anfang zeichneten VHS-Kassetten zwischen 2-3 Stunden Filmmaterial auf. Die Aufnahmedauer, nach der Verbraucher verlangten.

2. Technik und Kompatibilität abwärts

Grundsatz Nummer 3: Kunden wollen keine Eintagsfliegen, sondern funktionierende Systeme.

Grundsatz Nummer 3 Kunden wollen keine Eintagsfliegen sondern funktionierende Systeme.

Nachdem Betamax und VHS mit Aufnahmen von 2 Stunden und mehr arbeiteten, befanden sich Philipps und Grundig in Zugzwang. Als JVC sogar mit Videokassetten von 4 Stunden Laufzeit kam, wagte Grundig einen Alleingang.

Grundig brachte das neue System SVR mit 5 Stunden Aufnahmedauer auf den Markt. Theoretisch ein schöner Schachzug, praktisch lief eine Sache schief. Das SVR-System war nicht kompatibel mit dem Vorgänger VCR. Verbraucher mussten folglich in neue Geräte investieren, um in den Genuss von 5 Stunden Aufnahmedauer zu kommen. Philipps dagegen setzte auf dünneres Magnetband, um so die Spieldauer der VCR-Kassette auf drei Stunden zu steigern.
Dummerweise konnte man die jeweils neu entwickelten Kassetten nicht auf den Geräten des jeweils anderen abspielen. Zurecht fühlten sich damit einige Kunden verunsichert.

Obwohl sich die Endkunden immer mehr den japanischen Konkurrenten zuwandten, starteten Grundig und Philips einen weiteren Versuch mit einem eigenen System. Video2000 hieß der neue Stern am Himmel, der 1979 aufging.

Ein absolutes Novum: Die Video2000-Kassette war beidseitig bespielbar und bot damit 8 Stunden Laufzeit. Es gab lediglich drei Wermutstropfen:

  • Video2000 war abermals weder zu VCR- noch zu SVR-Recordern kompatibel.
  • Die Kassetten waren recht teuer.
  • Die Video2000-Geräte arbeiteten anfangs nicht sehr zuverlässig.

Letztlich konnte sich auch Video2000 nicht durchsetzen.

Das Unternehmen JVC hatte seine Kunden im Blick. Alle Weiterentwicklungen VHS-C und S-VHS waren immer abwärts kompatibel.

3. Qualität vs. Marketing vs. Preis

Grundsatz Nummer 4: Niemand schafft es im Alleingang.

Grundsatz Nummer 4 Niemand schafft es im Alleingang.

Zweifellos war Betamax in den 1970ern der Konkurrenz VHS und VCR überlegen. Die Farben waren satter und Betamax-Kassetten boten ein schärferes Bild. Technisch gesehen bot Betamax eine 20%ige höhere Auflösung.

Die Frage ist: Geht es nur um technische Feature oder bietet es den Verbrauchern wirklich Mehrwert? Auf den damaligen Fernsehgeräten konnte man den Qualitätsunterschied nicht deutlich erkennen.

Sony wollte Betamax als Standard etablieren. Die Lizenzpolitik war restriktiv. Lizenznehmer mussten im jeweiligen Vertriebsland eigene Produktionsstätten aufbauen. Das Resultat daraus: Die Markteroberung ging nur sehr langsam voran.

Im Prinzip bot das Betamax-System mehr Leistung fürs Geld. In den USA und Japan war es sehr beliebt. Aber dank der strengen Lizenzpolitik war die Nachfrage größer als vorhandene Geräte auf dem Markt. Frustration bei Verbrauchern war die Folge. Natürlich wurden Konkurrenzprodukte in Erwägung gezogen. Diesen Vorteil nutzte JVC für sich und sein VHS-System.

JVC war damals wirtschaftlich angeschlagen und musste relativ schnell mit dem VHS-System Geld verdienen. Das Unternehmen arbeitete daher mit einer offenen Lizenzpolitik. Das ging soweit, dass JVC Hersteller von VHS-Geräten sogar beim Aufbau von Fertigungsanlagen bis hin zur kompletten Produktlieferung unterstützte. Mit anderen Worten: JVC produzierte die Geräte und brachte im Anschluss das Label des Partners an. Es gab keinerlei Produktionsengpässe. Entsprechend schnell konnte sich das System verbreiten.

Auch vom Preis her überzeugte das VHS-System, denn es bot die günstigsten Geräte. Neben den Preis setzte JVC auf anwenderfreundliche Aufnahme- und Abspielgeräte. Verbraucher sollten nicht erst ein halbes Handbuch lesen, ehe sie Filme aufnehmen und wiedergeben konnten.

Bedeutete der Sieg von VHS das Ende von Betamax und VCR bzw. Video2000?

Grundsatz Nummer 5: Aufgeben heißt nicht zwingend Scheitern. Perspektivwechsel helfen.

Grundsatz Nummer 5 Aufgeben heißt nicht zwingend Scheitern. Perspektivwechsel helfen.

Das VCR-System verschwand bereits 1981 vom Markt. Somit konkurrierten nur noch VHS, Betamax und Video2000 um die Gunst der heimischen Wohnzimmer. Aber auch Video2000 hielt sich nur bis 1989.

Für viele Verbraucher war das Filmangebot – ob als Kauf- oder Mietkassette– entscheidend. Hier dominierte VHS.

Obwohl bis zum Jahr 2002 insgesamt ca. 18 Mio. Betamax-Geräte verkauft wurden, stellte Sony die Produktion ein. Auch mit Weiterentwicklungen wie Superbeta und ED-Beta konnte Sony keine nennenswerten Marktanteile erobern. ED-Beta kam noch nicht mal in Europa an.

Sony erkannte, dass der Heimanwender-Markt verloren war und änderte die Zielgruppe. Der Profibereich erwies sich als interessant. Mit Betacam brachte Sony ein Format heraus, das für die professionelle Anwendung im Broadcastingbereich gedacht war und dominierte hier.

Wie sieht es heute aus? Kaufen Sie heute noch VHS-Kassetten? Vermutlich nicht, zumal es nur noch Restbestände gibt. Letztlich ist kein System ist für die Ewigkeit geschaffen.

Folglich entbrannte Anfang 2000 der Kampf zwischen VHS und DVD. Wie wir heute wissen: Die DVD hat den Videokassetten den Todesstoß verpasst. Warum? Ganz einfach: Digitale Systeme ermöglichen verlustfreies Kopieren und Übertragen auf andere Medien. Egal wie oft man sich digitale Filmdateien anschaut, es kommt zu keinen Qualitätsverlusten. Von Video-Magnetbändern kann man das nicht behaupten.

Der Nachfolger der DVD, die Blu-ray, steht schon in den Startlöchern.

Apropos: wir digitalisieren Ihre VHS-Kassetten und andere Videoformate auf DVD, Blu-ray oder Festplatte. Und Schmalfilme wie Super8 übrigens auch.